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Im MRW-Blog findest du unsere Themen  rund um Rhetorik, Präsentation und Körpersprache zum Nachlesen.

Wie du im Vorstellungsgespräch überzeugst.

Sich selbst verkaufen, dick auftragen und gleichzeitig sympathisch wirken – das Bewerbungsgespräch ist ganz klar Mutter aller unnatürlichen Unterhaltungen. Hier erfährst du, wie du im Vorstellungstermin überzeugst, ohne vorzugeben, jemand anderes zu sein.


Für Vorstellungsgespräche habe ich mich früher oft wochenlang vorbereitet. Die Do´s und Don´ts klassischer Bewerbungsratgeber gecheckt, mir notiert, was meine besten Schwächen sind und Zusammenfassungen mit Unternehmenskennzahlen auswendig gelernt. Outfit klassisch, weiße Bluse, Hosenanzug, Typ Pinguin abgerundet mit Pumps in denen ich passenderweise etwas staksig umher gewackelt bin. Meinen Gesprächspartnern gegenüber sitzend, habe ich mich dann oft gefühlt wie bei der mündlichen Abfrage in der Schule – nervös, flattrige Stimme und in Gedanken bei meinen Notizen. Gleich vorab, die Nummer ist häufig schief gelaufen und ich war am Boden zerstört. Dabei hatte ich doch das 1x1 des perfekten ersten Eindrucks im Kopf und sogar an einen Extra-Ausdruck der Bewerbungsmappe gedacht.


Ich habe heute leider kein Foto für dich


Was mir damals noch nicht klar war: Die Tonnen an Websites, die ich durchforstet hatte, haben mich eher behindert als mir geholfen. Denn das Vorstellungsgespräch wird hiermit zum Spießrutenlauf und die Tipps als minimales Skill Set dargestellt, über das man verfügen muss, um überhaupt in die engere Auswahl zu kommen. Alles mit dem Hauptziel, sich keinen Fehltritt zu leisten, immer professionell sein. "Du schwächelst? Dann habe ich heute leider keine Zusage für dich." Mit so einem Mindset kann kein lockerer, angenehmer Austausch zustande kommen. Denn man versucht ständig, diese eine „gute Figur“ zu machen und alles, was nicht dazugehört, zu faken. Vorbereitung mit dem Ziel als perfekter Kandidat zu überzeugen, anstatt als man selbst.


Von der Selbst-Darstellung zum Ich-selbst-Sein


Dabei geht es im Bewerbungsgespräch genau darum - um die eigene Person. Um dich. Den Leistungscheck hat man mit dem Versand des CV zu einem guten Teil hinter sich. Wie beim Tindern: Erst ein Blick aufs Profil und danach die Einladung zum Date, um zu schauen, ob man im realen Leben auf einer Wellenlänge ist. Also zeig, wer du bist, anstatt Antworten zu geben, von denen du glaubst, dass sie jemand hören will. Sei authentisch, echt. Berichte von deiner Australienreise auf der du Land und Leute kennen gelernt hast. Daraus muss nicht das Auslandsjahr gemacht werden, bei dem du in verschiedenen Hilfsorganisationen Freiwilligenarbeit geleistet hast, wenn es nicht so war. Die Art wie du von deinen Erfahrungen berichtest, wird verraten, was dahinter steckt. Und wenn dein Gegenüber spürt dass du unverfälscht in ein Gespräch gehst, empfindet er dich automatisch als zuverlässiger. Viel wichtiger - im Gespräch kannst du dich auf dich selbst und deine Aussagen velassen und wirst automatisch gelassener.


Dazu ist allem voran wichtig, dass du für dich selbst Klarheit schaffst. Werde dir bewusst, warum du Bock auf die Stelle hast, für die du ins Bewerbungsgespräch ziehst. Wo steckt die Begeisterung für das Unternehmen? Warum willst du Teil davon werden? Wenn du weißt, was dich an der Möglichkeit des Jobs reizt und warum du mit Elan hinter deiner Bewerbung stehst, dann hast du das wichtigste im Kopf. Denn Begeisterung ist etwas, was man Menschen sofort ansehen kann und dem Auftreten Natürlichkeit und Sympathie verleiht.




Aber zu überzeugendem Auftreten beim Bewerbungsgespräch gehört mehr als aufrichtige Begeisterung. Ehrlichkeit ist auch dann wichtig, wenn man eingestehen muss, dass die eigene Kompetenz nicht zu 100% der Stelle entspricht für die man sich bewirbt. Sondern dass es da Ecken und Kanten gibt, die dein Profil auch spannend machen. Zu behaupten, du wüsstest über alles Bescheid ist eine Fassade, die du mit viel Anstrengung aufrecht erhalten musst. Gescheit daher reden raubt dir wertvolle Kraft wenn es darum geht achtsam am Gespräch teilzunehmen, zu zu hören, konzentriert auf die Fragen von anderen einzugehen.


Selektive Authentizität


Was nun nicht heißt, dass du mit allem gerade heraus kommunizieren solltest à la: „Ich habe um ehrlich zu sein keine Ahnung von SAP auch wenn eigenverantwortliches Arbeiten damit gefordert wird.“ Denn nicht alles was echt ist, muss sofort gesagt werden. Das hört sich zunächst an wie ein Widerspruch zu den Parolen oben. Ist es aber nicht. Es geht nicht darum, etwas zu vertuschen oder zu verschweigen.

Achte viel mehr darauf, dass alles was du sagst, echt ist. (Das Prinzip nennt man übrigens "Selektive Authentizität") Zum Beispiel, was du im Rahmen der Stelle lernen willst – und wenn du hierüber achtsam nachdenkst wirst du auf Gedanken kommen, die dich zur Bewerbung geführt haben und die dich dazu antreiben, dort aufzuschlagen. Oder was du überraschend / spannend / herausfordernd findest bei dem Gedanken daran -zum Beispiel- SAP zu lernen. Durch die persönliche Auseinandersetzung mit einer bislang vielleicht nicht in deinem Lebenslauf stehende Fertigkeit, kannst du schnell einen Zugang dazu bekommen. Und das kommt viel überzeugender rüber als vom Semester E-Business zu schwafeln, in dem es auch ne SAP Projektarbeit gab, was eher ne halbherzige Nummer war.


Fazit

“Das Große ist nicht dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein”* sagt sich leicht ist allerdings gar nicht so einfach - vor allem in Situationen wie Vorstellungsterminen, in denen “Das Beste” das Maß der Dinge zu sein scheint. Allerdings bringt es nur wenig das eigene Auftreten auf Basis der Erwartung anderer oder den Tricks von zweitklassigen Bewerbungsportalen hin zu verkünsteln - viel Stressen, viel Faken, was dich ablenkt vom eigentlich wichtigen: mit Spaß an einem Gespräch teilzunehmen.


*(Soeren Aabye Kierkegaard)

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